Abtei Internat Aktuelles F�derverein J-GCL Archiv Stephaner on air Hilfe FAQ Sitemap Suche Haftungsauschluss Copyright Kontakt
St. Stephan in Augsburg Besucher # 1175762.
6 Besucher online.
Community
Navigation
Seitenfunktionen
Pixel
Pixel
Dr. Karl-Joseph Hummel
21. November 2003

1828 -2003 - 175 Jahre Gymnasium bei St. Stephan in Augsburg

Geschichten für die Zukunft - oder: Wie man früher ein Stephaner wurde und was man dann davon hatte
Meine Damen und Herren,
der 175. Gründungstag des Gymnasiums bei St. Stephan in Augsburg hat den willkommenen Anlaß geboten, eine illustre Festgesellschaft zu versammeln, aus deren Mitte ich in Ihrer aller Namen Abt Dr. Emmeram Kränkl für das Kloster und OStD Franz Lettner für das Gymnasium die herzlichsten Glückwünsche überbringen darf.
Im Gründungsjahr dieses Gymnasiums 1828 schrieb Heinrich Heine: "Jede Zeit hat ihre Aufgabe und durch die Lösung derselben rückt die Menschheit weiter." und beantwortete sich dann selbst die Anschlußfrage: "Was ist aber diese große Aufgabe unserer Zeit?": "Es ist die Emanzipation ... die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist."
Wer 1828 die Emanzipation suchte, vermutete sie freilich nicht gerade in Augsburg. Es verwundert deshalb nicht, daß Heines "Reise von München nach Genua" , aus der wir zitierten, nicht über die ehemalige Freie Reichsstadt Augsburg führte, in der König Ludwig I. am 20. November 1828 die katholische Studienanstalt bei St. Stephan gründete, eine Lateinschule für Knaben.
Ludwig I. (1786-1868) war bekanntlich bis ins hohe Alter dem weiblichen Geschlecht gegenüber durchaus aufgeschlossen. Das Verhältnis zu der Tänzerin Lola Montez ist lediglich das bekannteste Beispiel für eine zunehmend beratungsresistente königliche Selbstbestimmung, für die Ludwig I. zunächst den unübersehbaren Verlust der spontanen Verehrung und populären Zustimmung vieler seiner Untertanen in Kauf nahm, bis im Gefolge der Märzrevolution von 1848 sogar sein Rücktritt unvermeidlich wurde, wollte er die Monarchie als Staatsform retten. Königlicher Wille allein reichte im Vormärz nicht mehr aus, um sich nachhaltig gegenüber dem Zeitgeist durchzusetzen.
St. Stephan war eine Lateinschule für Knaben. Auf die Idee, auch eine Lateinschule für Mädchen zu gründen, wäre damals niemand gekommen. Die schönsten Mädchen gingen nämlich nicht selten eher ins Kloster als auf die Lateinschule. Dies galt insbesondere für Augsburg. Für die Freunde romantischer Lieder ist diese Einsicht nicht neu. Sie kennen Robert Schumanns (1810-1856) Lied "Stirb, Lieb und Freud", aus dem Jahr 1840, dessen Text von Andreas Justinus Kerner (1786-1862) stammt:
Zu Augsburg steht ein hohes Haus, nah bei dem alten Dom,
Da tritt am hellen Morgen aus, ein Mägdelein gar fromm
Gesang erschallt, zum Dome wallt, die liebe Gestalt.
...
Dort vor Marias heilig Bild, sie betend niederkniet
Der Himmel hat ihr Herz erfüllt, und alle Weltlust flieht:
"O Jungfrau rein! Laß mich allein Dein eigen sein!"
...
Gott gib, daß dieses Mägdelein ihr Kränzlein friedlich trag'.
Es ist die Herzallerliebste mein, bleibt's bis zum jüngsten Tag.
Sie weiß es nicht, mein Herz zerbricht, stirb Lieb' und Licht."

Liebe Freunde, meine Damen und Herren, Sie müssen jetzt nicht befürchten, daß ich in diesem Stil einen Vortrag über 175 Jahre Schulgeschichte halte. Das 175-jährige Jubiläum ist nämlich glücklicherweise so überraschend gekommen, daß an die Ausarbeitung eines üblichen Festvortrags beim bestem Willen nicht mehr zu denken war.
Ich hatte keine faire Chance, mich vorzubereiten, habe sie aber ergriffen und gerne diese Verfertigung der Gedanken beim Reden zugesagt, zumal noch während des ersten Telephongesprächs mit Franz Lettner P. Egino Weidenhiller vor meinem geistigen Auge auftauchte. P. Eginos leuchtendes pädagogisches Vorbild hat viele von uns folgenreich geprägt und im späteren Leben verschiedentlich aus schwierigen Situationen gerettet. Irgendwann muß man eine Dankesschuld dann auch einmal abtragen. Wenn P. Egino - was, so sagt man, hin und wieder vorgekommen sein soll - eine Unterrichtsstunde etwas verspätet und dann mit dem Introitus "Unvorbereitet wie ich bin ..." eingeleitet hatte, bekamen wir in den dann folgenden gelehrsamen Minuten meist mehr Wissen für das richtige Leben vermittelt als die meisten Nachwuchspädagogen in nächtelanger Vorbereitung jemals auf ihre Arbeitsblätter und Folien schreiben können.
Der zweifellos gut gemeinte Vorschlag von Franz Lettner, ich könnte als Abiturient des Jahrgangs 1969 an Stelle eines zeitgeschichtlichen Vortrags der nachgeborenen "Generation Golf" doch aus der Werkstatt der Emanzipation und Revolution berichten, hat mich nicht nur amüsiert. Erstens ist der "Zeitzeuge" für den "Zeithistoriker" tendenziell immer so etwas wie ein natürlicher Feind und zweitens wird jemand in der Regel nicht als Zeitzeuge eingeladen, solange er etwas zu sagen hat, sondern eher aus einer Endzeitstimmung heraus, wenn man befürchten muß, daß er sich nicht mehr lange erinnern können wird.
Aber wann, sagte ich mir, hatte ich in neun Jahren Gymnasialzeit schon einmal Gelegenheit, zwanzig Minuten zu sprechen ohne unterbrochen zu werden?

Erinnern wir uns an die einleitend erwähnten drei Stichworte aus der Gründerzeit von St. Stephan: Emanzipation, Lateinschule und Knaben.
Oberflächlich betrachtet hat sich in St. Stephan in den ersten 140 Jahren von 1828 bis 1968 nichts verändert, oder sagen wir nahezu nichts. Immerhin gingen Ende der 1960er Jahre nicht mehr alle schönen Augsburgerinnen ins Kloster wie 1828, manche gingen inzwischen ins Gymnasium der Englischen Fräulein und immerhin zwei suchten ihr Glück in St. Stephan - die legendäre Madeleine Meyer und Annette Zarnitz, die durch ihre spätere Ehe mit einem Stephaner den praktischen Nutzen humanistischer Bildung für das richtige Leben lange vor Pisa unter Beweis stellen konnte. Getrennte Knaben- und Mädchen-schulen galten im übrigen 1968 schon wieder als modern und erstrebenswert.
Ende der 60er Jahre, als der Fortschritt primär an der Universität vermutet wurde, war in Augsburg eine Alma mater noch nicht einmal gegründet. Eine Bewerbung Augsburgs als "europäische Kulturhauptstadt der Emanzipation" wäre damals allein schon aus diesem Grund viel zu früh gekommen. St. Stephan entwickelte auch nie einen Ehrgeiz, der in den Olymp der progressiven Reformpädagogik hätte führen können. Gleichwohl stand St. Stephan im Lauf der Jahrzehnte immer wieder an der Spitze des Fortschritts. Nicht immer zwar schon im ersten Anlauf, aber immer dann, wenn das bewahrende Selbstvertrauen ausgereicht hatte, solange mit Veränderungen zu warten, bis der Fortschritt in Gestalt von Verbesserungen wiederkam.
Hatten wir also eine faire Chance, wenn wir von einem Gymnasium für das richtige Leben ausgestattet wurden, an dem die 68er Jahre offenbar so spurlos vorbeigegangen waren wie Heinrich Heine 1828 an Augsburg?
Unsere Lehrer hatten sich auf Europa und globales Lernen bereits eingestellt, als es den Begriff "Globales Lernen" noch gar nicht gab, und die verpflichtende erste Fremdsprache Latein zunächst durch die griechische Muttersprache des Stiers ergänzt, dem wir die Entführung der Europa verdanken. Hätte es uns aber nicht unruhig machen müssen, daß zwar Emanzipation und Brüderlichkeit inzwischen nicht mehr nur in Europa, sondern weltweit als erstrebenswert galten, die Zahl der Genossen, die in ciceronischem Latein oder in Altgriechisch Gerechtigkeit erstreben und die res publica grundlegend neu ordnen wollten, sich aber in engen Grenzen hielt? Immerhin: Auf die Frage von Günter Jauch, welcher römische Kriegsgott einem deutschen Pausenriegel seinen Namen geliehen hat, hätte auch der schwächste unserer Lateiner - und davon gab es viele - niemals "Snickers" gesagt.
In St. Stephan wurde nicht nur der Schatz der humanistischen Bildung gehütet, sondern auch auf anderen Gebieten strategisch klug vorgesorgt , schließlich sogar Englisch und Französisch zusätzlich in den Lehrplan aufgenommen. Mit überwältigendem, lebenslangem Lernerfolg genossen wir Englisch bei P. Joseph und Französisch - als Wahlfach fast so angesehen wie Stenographie - nachmittags zum Spiel einer Gitarre und nasalierten unermüdlich "enfin, bonbon, Verdun, Berlin".
Wir lernten damals und haben es bis heute nicht vergessen, daß der Einfluß frühkindlicher Prägung groß und das Team dem Einzelkämpfer überlegen ist. Statt dem damals populären Che Guevara hieß einer unserer Helden Arthur Wellesley Duke of Wellington (1769-1852): "The battle of Waterloo was won on the playfields of Eton"! Sein Ehrenplatz war freilich nicht unumstritten, weil wir uns auch täglich daran erinnern sollten, daß insbesondere "the influence of Shakespeare can hardly be exaggerated".
Wer dann noch früh zu Bett ging und so rechtzeitig wieder aufstand, daß er um 7 Uhr in die Schulmesse gehen konnte, hatte die wichtigsten Grundsätze für lebenslanges Glück und immerwährenden Reichtum schon gewinnbringend umgesetzt: "Early to bed and early to rise, makes a man healthy, wealthy and wise."
Inzwischen weiß man, daß dieses Zitat fälschlicherweise Benjamin Franklin zugeschrieben worden ist. Das spielte damals aber keine Rolle, zumal unsere Ausdrucksfähigkeit in modernen Sprachen so sophisticated war, daß unser Gegenüber nicht immer sofort merken konnte, welche Sprache wir gerade sprachen. Meine eigene Sprechkompetenz in Englisch und in Französisch beeindruckte eine Jury in einem Ausmaß, daß ich im ersten Anlauf sowohl für ein Studienjahr in Großbritannien als auch für einen mehrwöchigen Aufenthalt an der Cote d'Azur ein Stipendium bekam. Gab es doch überhaupt keinen Zweifel, daß ich diese zusätzliche Unterstützung nötiger hatte als die konkurrierenden Anglisten und Romanisten, die alle schon präzise sagen konnten, was sie sagen wollten.
Die fachlichen Kenntnisse in anderen Fächern waren ebenfalls für eine spätere Vertiefung wie geschaffen. Nehmen wir nur das wichtige Fach Geschichte. Ich ahnte damals nicht im entferntesten, daß ich einmal Direktor der Kommission für Zeitgeschichte werden würde; es wäre deshalb ungerecht, bei unseren Lehrer die Meßlatte anzulegen, daß sie mich darauf hätten gut vorbereiten müssen. Immerhin lernte ich durch die lebensnahen Erzählungen des Geschichtslehrers Leo Juhnke (1906-1993), warum Königsberg für die deutsche Geschichte zentrale Bedeutung hat, und, daß man das Wesen des Absolutismus am besten mit einer Beschreibung der Morgentoilette Ludwigs XIV. erklären könne. Schließlich wurde ich kurz vor dem Abitur sogar noch darüber informiert, daß 1914 der Erste Weltkrieg ausgebrochen war. Ich konnte also mit der spannenden Frage an die Universität wechseln, wer den Weltkrieg schließlich wann gewonnen haben könnte.
Die Studienberatung für das Wintersemester 1969/70 in München beherrschten der Spartakus-Bund und die Roten Zellen. Konsequenterweise landete ich in meinem ersten Semester in einem Proseminar zur Revolution von 1848 und in einem Pflichtlektürekurs: Karl Marx, Die Heilige Familie. Der Lektürekurs fand in einem Haus in der Münchner Türkenstraße statt, das - wie man nach der Wende überprüfen konnte - dazu diente, die kulturellen Errungenschaften der DDR unter dem kapitalistischen Nachwuchs zu verbreiten.
Vor dem Abitur hätte ich mir die repressionsfreie Suche nach der Wahrheit nicht einmal träumen können. Und jetzt studierte ich - ab dem 3. Semester als Stipendiat des konservativen Klassenfeinds, der Bischöflichen Hochbegabtenförderung Cusanuswerk, - zusammen mit den Jüngern des Spartakus das erste Gemeinschaftswerk von Karl Marx und Friedrich Engels. Ich wollte diese Erfahrung des Umgangs mit dem ganz Anderen damals wie heute nicht missen und leistete meinerseits einen wichtigen Beitrag. Das Cusanuswerk verringerte nämlich in vorauseilendem Gehorsam seinen Abstand zur übrigen Menschheit und strich das "Hoch" aus seinem Namen. Trotz sehr guter Studienleistungen war ich ab dem 5. Semester zwar immer noch "begabt", aber eben auch nur noch "begabt". Schließlich sollten wir "mehr Demokratie wagen" und uns nicht als Elite gebärden.
Mein politisches Gewissen übte sich in Wohlgefallen. Für einen solchen Fall hatte ich nämlich bei P. Egino von Benedetto Croce (1866-1952) gehört: "Wer vor seinem dreißigsten Lebensjahr niemals Sozialist war, hat kein Herz. Wer nach seinem dreißigsten Lebensjahr noch Sozialist ist, hat keinen Verstand."
Das Schlagwort vom lebenslänglich notwendigen Lernen, das damals aufkam, erhielt vor dem Hintergrund unserer gravierenden Wissenslücken eine ganz neue Bedeutung, obwohl wir - im Wortsinn - einen sehr "Zeitnahen Unterricht" geboten bekamen, zumindest galt dies für die Klassen, die Dr. Horst Weinold unterrichtete.
Bis in die Mittelstufe glaubten wir in einer verzeihlichen Naivität noch daran, jeden Donnerstag finde Lehrerfortbildung statt, weil manche Lehrer am Freitag oft so viel Neues zu berichten wussten. Gleichzeitig hatten wir immer wieder Anlaß zu der Vermutung, daß nicht immer das ganze Kollegium geschlossen daran teilnehmen konnte. Als Dr. Weinold uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreite und verriet, daß jeweils donnerstags in Hamburg eine dickleibige Wochenzeitung erschien, hatten alle, die lesen konnten, fortan einen gewaltigen Vorsprung. Die Sparversion bestand übrigens darin, das ungelesene Exemplar wenigstens aus der Manteltasche des Burbery schauen zu lassen, weil man doch zur Intelligenz gerechnet werden wollte.

Ich fasse kurz zusammen: Die Stephaner der 68er-Generation pilgerten nicht zu Großdemonstrationen und Flower Power-Wochenenden, sondern besuchten Frascati, Rom und Papst Paul VI. Wir wurden individuell begleitet und gefördert und verließen St. Stephan gebildet, aber ohne das modische Gepäck, das der Zeitgeist und die damalige political correctness für lebensnotwendig hielten. Wir hatten damals von vielem nicht den Schimmer einer Ahnung - und das war gut so. Die 68er Jahre sind längst vergangen, unsere Bildung dagegen hatte Zukunft.
Wie brauchbar ist das damalige Konzept unter den Bedingungen des Jahres 2003?
Der Grundgedanke ist unverändert gültig, heute aber viel schwerer durchzusetzen als damals. Zukunftsfähige Bildung entsteht nicht nach den Vorgaben wechselnder aktueller Nützlichkeitsanforderungen und ist etwas ganz anderes als Berufsqualifizierung. Die entscheidende Frage heißt: Was ist es, was wir wissen wollen sollen? Hier sind wir nahe bei der Frage nach dem Menschenbild, das hinter jeder Pädagogik steht. Schule braucht ein stimmiges Konzept und nicht eine Vielzahl zusammenhangloser Fachcurricula. Daß wir damals das Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr erfuhren, war bedauerlich - das heute moderne Konzept von der "Verschlankung der Lehrpläne" konnte damals noch nicht dahinterstecken - , der Verzicht auf Vollständigkeit war auf Zukunft gesehen in diesem Fall aber nicht uneinholbar nachteilig. In vielen anderen Fächern war es sogar ausgesprochen hilfreich, daß wir vieles nicht wissen mußten - aus dem Reich der Milben und Laubfrösche, der Berge, Flüsse und Seen.
Faktenwissen hat nämlich eine hohe und täglich zunehmende Durchlaufgeschwindigkeit. Seit 1968 nimmt die Kluft zwischen dem möglichen Weltwissen und dem Lebenswissen jedes Einzelnen dramatisch zu; diese Lücke ist individuell fast nicht mehr zu schließen ohne daß man in den Bereich von Wahnvorstellungen vorstößt.
Die Vollständigkeitsfanatiker, die Fakten und Zahlen horten und am Ende doch ähnlich uninformiert bleiben wie der Staatssicherheitsdienst der DDR, sind ebensowenig zukunftsfähig wie die Spezialisten, die von immer weniger immer mehr verstehen, bis sie am Schluß von gar nichts mehr alles verstehen. Zukunftsfähig sind Menschen mit Schlüsselkompetenzen wie der Gabe der Unterscheidung - zwischen den Daten, die wir uns aneignen müssen, und den Dingen, für die wir unsere Lebenszeit nicht opfern sollten -, zukunftsfähig sind Menschen, die Zusammenhänge verstehen und die richtige Auswahl treffen können ohne sich mit dem ganzen Informationsmüll zu belasten.
Es geht nicht in erster Linie um Wissen, sondern um Bildung, die nicht anwendungsfixiert nur nach dem Verwertungszusammenhang fragt, es geht um Selbständigkeit, um innere Unabhängigkeit von den Zumutungen schnellebiger Trends und um Urteilskraft, um Lernen für die lange Dauer, für Übermorgen und nicht nur für heute nachmittag.

Bildung dieser Qualität - und darin liegt eine große persönliche Bereicherung - schlägt eine Brücke zwischen der eigenen Erfahrungszeit und der reichhaltigen Vergangenheit. Wer nicht weiß, woher er kommt, hat auch keine Zukunft. Die großen menschlichen Erfahrungen sind in der Literatur, in der Kunst, in Philosophie und Religion festgehalten. Wer heute nicht sprachlos bleiben will, muß die Mythen und die Bilder seiner geschichtlichen Herkunft kennen und entschlüsseln können, muß die Geschichten seiner Geschichte erzählen können. Man kann "Neue Armut" auch so definieren, daß davon alle betroffen sind, deren geistiger Horizont nur von ihrer Geburt bis zur jeweiligen Gegenwart reicht.
Liebe Freunde, wo begegnet man heute noch in diesem Sinn gebildeten Menschen - abgekürzt sagen wir dazu in aller Bescheidenheit: Stephanern - und wo begegnet man ihnen nicht? Es mag mit meiner Berufsperspektive des Zeithistorikers zusammenhängen, aber ich begegne Stephanern meist in der Geschichte, weniger am Puls der Zeit.
In Untersuchungen wie "Priester unter Hitlers Terror" finde ich den Stephaner Max Mayr (1891-1965), den späteren Augsburger Kaplan (St. Ulrich und Afra; Hl. Kreuz), der als Häftling 22.002 fünf lange Jahre im KZ Dachau in "Schutzhaft" verbracht hat.
In einem erst seit kurzem geöffneten römischen Archiv stoße ich ganz unvermutet auf Briefe des Augsburger Benediktinerpaters Bernhard Seiller (1863-1942), der sich im Dritten Reich intensiv mit der Frage beschäftigt hat, ob Adolf Hitler gegebenenfalls eine göttliche Sendung haben könnte.
Bei der Recherche nach Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen entdecke ich Jerzy Bochenski, Marian Wojtkowiak und Jozef Mazur, die polnischen Zwangsarbeiter, die auf dem Klostergut in Haberskirch arbeiteten.
Im Vergleich dazu begegnen mir bei Auswahltagungen der Begabtenförderungswerke z.B. oder bei Stellenausschreibungen vergleichsweise eher wenige Bewerberinnen und Bewerber mit der Lebensstation Gymnasium St. Stephan. Dominiert, frage ich mich besorgt, eine übermächtige Vergangenheit unseres Gymnasiums am Ende etwa das Engagement für die Zukunft?

Ich kann an dieser Stelle einen zentralen Unterschied zwischen damals und heute nur andeuten. Abiturienten meines Jahrgangs konnten grundsätzlich werden, was sie wollten. Die heutige Generation der Abiturienten und Studenten kann das nicht mehr. Lassen Sie mich deshalb abschließend einen Vorschlag machen, der als Geschenk der Alt-Stephaner zum heutigen Festtag überreicht werden soll:
Die Beziehungen zwischen Gymnasium, Universität und dem richtigen Leben kann man nicht dadurch verbessern, daß die Kollegstufe Universität spielt und das Gymnasium versucht, mit der Entwicklung der Gesellschaft Schritt zu halten. Dieser Versuch kann nur in einer frustrierenden Hase-Igel-Erfahrung enden. Man kann diese Beziehungen aber dadurch verbessern, daß man versucht, die Welt in das Gymnasium hereinzuholen und die Lebenserfahrung der Ehemaligen zu nutzen.
Lieber Franz Lettner, die Altstephaner bieten den künftigen Stephaner ihre uneingeschränkte Hilfe an, wenn es um Berufsberatung, um Praktika oder um Stellenvermittlung geht; wir sind auch gerne dazu bereit, in Vortragsveranstaltungen unsere berufliche Erfahrungsgeschichte in St. Stephan zu erzählen, Abiturienten für Stipendienprogramme zu empfehlen oder zu vielem anderem mehr.
Kürzlich hat ein leider erkrankter Zeitgenosse auf die Frage seines Hausarztes nach seinem Beruf geantwortet: "Ich bin ein Stephaner." Wir wünschen in diesem konkreten Fall auch von dieser Stelle aus gute Besserung. In einem allgemeineren Sinn gilt: "Ich bin ein Stephaner" ist fast so etwas wie eine Liebeserklärung. St. Stephan ist für viele der Ehemaligen zu einer geistigen Heimat geworden. Heimat - nicht im Sinne von Ernst Bloch als Prinzip Hoffnung verstanden, die allen in die Kindheit scheint und wo noch keiner gewesen, nicht Heimat als Chiffre für die uneingelöste Zukunftsvision der 68er-Generation, sondern Heimat als persönliche Lebenserfahrung und Realität. "Ich bin ein Stephaner" war und ist ein Markenzeichen. Ich bin fest davon überzeugt: Solange es Stephaner gibt, kann die Welt noch nicht völlig aus den Fugen sein. In diesem Sinn ad multos annos!

Letzte Änderung dieser Seite:
08.07.2005 22:53:50 Uhr

 
Pixel
Footer