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St. Stephan in Augsburg Besucher # 1432775.
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Eine außergewöhnliche Sonnenuhr

Die Sonnenuhr von St. Stephan ist außergewöhnlich nicht nur deshalb, weil sie fast genau nach Westen zeigt, sondern vielmehr dadurch, dass es gleich zwei Sonnenuhren sind, dass sie keinen Schattenstab, sondern je eine Schattenkugel haben, dass sie jede nur für eine Hälfte des Jahres die Zeit angeben, aber diese dann - und das ist das Wichtigste - in exakter MEZ (auf 1 Minute genau) oder im Sommer sogar in Sommerzeit. Die Stundenlinien sind nicht wie üblich Geraden, sondern geschwungene, s-förmige Linien; das ist der Preis für ihre Genauigkeit. Warum?

Abweichungen einer gewöhnlichen Sonnenuhr von der Normalzeit
Jeder weiß, dass die Sonne um 12 Uhr am höchsten steht und dass sie da im Süden steht - und genau das ist im allgemeinen falsch, und zwar aus drei Gründen:
Erstens ist unsere Mitteleuropäische Zeit (MEZ) eine sogenannte Zonenzeit, die für die Zone um den 15. östlichen Längengrad definiert ist, der z.B. genau durch die Stadt Görlitz an der Neiße geht. Dort an der deutsch-polnischen Grenze steht die Sonne tatsächlich um 12 Uhr mittags im Süden (in Augsburg erst etwa 16 Minuten später). Oder vielmehr: Sie stünde im Süden, wenn nämlich die Erde auf einer exakten Kreisbahn um die Sonne liefe.
Zweitens also macht sich die Ellipsenbahn der Erde bemerkbar: Im Winter läuft die Erde schneller auf ihrer Bahn um die Sonne - so will es das Zweite Keplersche Gesetz - , im Sommer sodann, von der Sonne weiter entfernt, läßt sie sich Zeit; und die Sonnenuhr auf ihrem Rücken geht deshalb mal vor und mal nach.
Drittens kommt hinzu, dass eine Drehung der Erde um 1 Grad nicht immer 1 Grad ist, wenn es um unsere Normalzeit geht. Denn die Erdachse ist um etwa 23,5° gegen die Bahnebene geneigt, und da ergeben sich Projektionseffekte, die bei einem Grad bis zu 5 Bogenminuten ausmachen , was sich dann zeitlich über Wochen hinweg bis zu +/-17 Minuten aufaddiert (sog. 'Zeitgleichung'), so dass sich die Ungenauigkeit einer gewöhnlichen Sonnenuhr damit nun schon bis zu einer guten halben Stunde vergrößern kann, und die Sommerzeit tut schließlich noch eine Stunde dazu.

Zifferblatt einer exakten Sonnenuhr
Zeichnung Stellen Sie einen Stab mit einer Kugel oben drauf vor eine (Süd-)Wand, und markieren Sie z.B exakt 12 Uhr MEZ ein Jahr lang alle zwei Wochen den Schatten der Kugel an der Wand: Das Ergebnis ist ein Achter, weil die Sonne im Sommer hoch, im Winter tief steht, und weil aus den oben genannten Gründen die Sonne mal vorauseilt, mal zurückbleibt. Und wenn Sie das Ganze sogar jede Stunde an den betreffenden Tagen gemacht haben, Zeichnung sehen Sie das gesamte Zifferblatt der exakten Uhr vor sich. Nur: Wer sagt uns, ob wir uns an den linken oder an den rechten Ausbuchtungen der Acht zu orientieren haben?! Deshalb ist der Achter bei unserer Sonnenuhr aufgeteilt in die Winter-/Frühjahrslinie links (normales S) und in die Sommer-/Herbstlinie rechts (gespiegelte S-Form). Und somit ergeben sich zwei völlig getrennte Sonnenuhren mit je einer eigenen Schatten werfenden Kugel: die linke für Winter und Frühjahr, die rechte für Sommer und Herbst (was in der Bemalung auch angeben ist).

... und die Sommerzeit? Der Schatten der Kugel fällt im Sommer weiter unten an die Wand, im Winter weiter oben. Wir betrachten nun die schrägen Linien (Monatslinien): Die oberste zeigt, wo der Schatten am 22. Dezember, die unterste, wo er am 21. Juni entlang läuft; die mittlere, gerade Linie markiert den Verlauf bei Frühlings- und Herbstanfang. Dadurch lässt sich die Sommerzeit ins Spiel bringen: Zeichnung Sie beginnt Ende März und endet (leider erst) vier Wochen nach Herbstanfang; so ist in etwa jeweils die gerade Linie mit dem Beginn oder dem Ende der Sommerzeit verknüpft. Fällt der Schatten also auf die unteren, heller gehaltenen Zeichnung Flächen des Zifferblatts, sind die unteren Stundenangaben maßgebend (Sommerzeit); fällt der Schatten in die oberen, dunkleren Flächen, gelten die oberen Stundenangaben der Normalzeit (MEZ). Die abgebildete Sonnenuhr wurde im Herbst fotografiert, also: Es war Herbstanfang, 23 September, um 5 Minuten vor 3 Uhr (Sommerzeit).

Berechnungen des Zifferblattes: Stefan Kirstein (Facharbeit LK Mathematik 1981)
Stefan Kirstein berechnete - damals noch ganz ohne PC - 174 Schattenpunkte und bestimmte die Abweichung der Wand von der Nord-Süd-Richtung zu 15,5° auf 0,1° genau, so dass von daher eine Genauigkeit von 1 Minute gewährleistet war.

Künstlerische Gestaltung: Stefan Schrammel (1986)
Schrammel
Turnhalle Die Pläne lagen fast fünf Jahre in der Schublade, bis sich ebenfalls einer unserer Schüler, Stefan Schrammel, begeistert auf die große und anspruchsvolle Aufgabe der künstlerischen und praktischen Umsetzung einließ. Sein Abitur 1986 war der Startschuss zur Entwurfsphase; immer bessere Ideen ließen auch die Ausmaße wachsen, schließlich bot für den 1 : 1-Entwurf einzig die Turnhalle einen genügend großen Arbeitsraum, wo auch einige Internatsschüler beim Übertragen von Zifferblatt und Entwurf halfen.
Das künstlerische Konzept des Werkes lautet:
Der Mensch in Gottes Schöpfung - ungelöste Probleme der Menschheit

Ausgangspunkt für die künstlerische Gestaltung war der Gedanke Newtons, daß sich dem forschenden Menschen mit einem Tropfen gewonnener Erkenntnis ein ganzer Ozean neuer Fragen auftut. Der Verfasser dieser Zeilen suchte den Gedanken in ein Chronostichon ("Zeit-Vers") zu kleiden:

QVAESTIONES HERI  AC CRAS:

BENEDICENS DEVS, VIVIFICANS SOL, DESTRVENS TV

Was übersetzt heißt: Fragen, gestern wie morgen: der gütige Gott; die lebensspendende Sonne; Du (Betrachter), der Du zerstörst. (Die hervorgehobenen römischen Zahlzeichen ergeben addiert das Jahr 1986). Angesprochen sind hier die trotz allen Forschens ungelösten Fragen der Menschheit nach Gott dem Gütigen, nach dem Geheimnis des Lebens, nach der teuflischen Fähigkeit des Menschen zur Destruktivität, zum Bösen schlechthin. Stefan Schrammel verstand es, diese Ideen durch Komposition, Gestalt und Farbe lebendig werden zu lassen:

Detail

Sonnenuhr Die linke Figurengruppe ist nach dem Vorbild einer gotischen Miniatur gestaltet: Gott misst die Welt ab; die Weisheit ist bei ihm (vgl. Spr 8,27: Als er den Himmel baute, war ich, die Weisheit, zugegen, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern). Rechts der Mensch von heute: der Wissenschaftler, der seine Welt baut, die Technik vermeintlich fest im Griff, sie anbetet?; der nach Erkenntnis hungert und trotz und mit seinen technischen Geräten die Grundprobleme nicht lösen kann. Links also Gott mit der Weisheit als Mathematiker, Geometer; rechts der Wissenschaftler, Techniker - als moderner Gott? Symbol der Machbarkeit? Jedenfalls links Gott, der die Naturgesetze - des Lebens wie auch des präzisen Laufs der Sonne - in die Welt legt; rechts der Mensch, der sie ergründet, in Freiheit interpretiert und anwendet und dabei dem Bösen nicht entkommt.

Fassade Über den beiden Figurengruppen die Sonne als Sinnbild des Lebens und seiner Dynamik und Energie, von ihr aus ergießt sich alles Leben; ihr entspringen Erde und Mond, noch feuerumzuckt (Der Leser mag stattdessen auch Protuberanzen erkennen, auch Kernfusionen im Sonneninnern). Die Wolke links oben am Fenster: Ein Dinosaurier auf dem Abstellgleis der Natur? Besuch von Außerirdischen? Eine entschwebende Wasserstoffwolke? Herrn Schrammel schwebte jedenfalls vor, mit diesem Farbtupfer die ganze Giebelfassade mit einzubeziehen, ein Gegengewicht zur unteren, großen Komposition zu setzen, damit das Ganze nicht kippt. Ein Bild also bietet sich uns dar, das mit seinen warmen Rot- und Ockertönen (und außer weiß und schwarz nichts anderem als diesen) nicht nur schön anzuschauen ist, sondern zum Betrachten einlädt, zum Nachdenken über die Sonne als Hinweis auf jene Instanz, die mit ihrer Weisheit unerkannt, in Menschengestalt, unter den Menschen wirkt. Nimmt der moderne Mensch es wahr? Ein Bild, das vom Grübeln über das "destruens tu" wieder hinzuleiten vermag zu Dynamik und Lebensfreude.

Bei der kleinen Einweihungsfeier am 8. Oktober 1986 traf es der damalige Abt von St. Stephan, Albert Brettner, wohl richtig, wenn er betonte, hier sei "unter der Hand des jungen Altstephaners ein Kunstwerk entstanden, das für St. Stephan und seinen GCL-Hof, für diesen Winkel der Altstadt und für jeden Betrachter ein Gewinn ist".

P. Gregor Helms

Letzte Änderung dieser Seite:
30.04.2002 12:24:29 Uhr

 
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