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Bach schlägt Britney
Ein Beispiel für musikalische Basisarbeit: Pater Anselm Mayer und sein Chor am "Gymnasium bei St. Stephan" in Augsburg
Still ist es. Still und kalt. Ein Hauch von Weihrauch hängt in der Luft. Die Mittagsglocke läutet. Warten. Plötzlich Stimmen vor der Tür, Kinderstimmen. Die Tür schlägt auf und dreißig Jungen und Mädchen stürmen auf die Empore der St.-Stephans-Kirche in Augsburg, greifen sich Stühle, setzen sich um ein Notenpult. Geschiebe und Gedränge. Es sind die Fünftklässler des "Gymnasiums bei St. Stephan". Noten werden verteilt, gleich ist Chorprobe. "Martin kommst du neben mich?" ruft eine Stimme. Und Martin steigt über drei Stuhlreihen nach vorne, tritt dem einen auf die Hände, stößt eine andere in den Bauch. Laute Proteste.
Kurz darauf der nächste Schülerschwall. Die sechsten und siebten Klassen folgen, kaum ruhiger als ihre Vorgänger. Schwätzen, Lachen, Durcheinander. Dann, gemessenen Schritts, cool, lässig: die Elft- und Zwölftklässler. Schließlich sind knapp 150 Schülerinnen und Schüler unter der hochgebockten Orgel auf der Empore der Kirche versammelt. Dicht an dicht stehen und sitzen sie, denn viel Platz ist hier oben nicht. Später kommt noch das Orchester hinzu und dann wird es richtig eng.

Vor ihnen am Notenpult: Pater Anselm Mayer, ein Ruhepol inmitten des unruhig wogenden Schülermeers. Er ist Benediktinermönch und Musiklehrer, Leiter des Chores sowie Dirigent des Orchesters am "Gymnasium bei St. Stephan". Er probt Johann Sebastian Bachs "Matthäuspassion". Am 16. März will er mit dem Chor und dem Orchester Teile des Werkes in einer "Passionsstunde" aufführen. Sieben Wochen sind es bis dahin, vierzehn Proben hat er. Vierzehn Proben, in denen es ihm gelingen muss, seinen Schülerinnen und Schülern die Noten einzupauken und alle zu einem homogenen Klangkörper zu vereinen.
Knapp 45 Minuten dauert jede Probe, heute hat Pater Anselm sich drei Choräle und den Eingangs-Chor vorgenommen. Mit seinem tragenden, sonoren Bariton singt er die verschiedenen Stimmen vor, die Schüler singen ihm nach. Knapp und präzise sind die Anweisungen des Mannes. Mal stampft er den Takt mit den Füßen, mal horcht er in die Stimmen hinein, korrigiert Unsauberkeiten, lobt und tadelt. Schnell ist der erste Choral "Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen" eingeübt, ein zweiter und dritter Choral schließen sich an. Dazwischen immer wieder Schwätzen, Unruhe, mahnende Worte.
 
Dann: der Eingangs-Chor "Kommt ihr Töchter, helft mir klagen". Pater Anselm gibt den Einsatz - sein schwarzer Habit schwingt im Rhythmus mit - und dann tönt Bachs großer Klagegesang durch die Weite des Kirchenschiffs.

Voller Inbrunst singen die klaren Kinderstimmen Bachs verwirrend-überreiche, sich endlos verzweigenden Melodien. Beinah so, als wäre es ihr Lieblingssong aus den Charts. Bach schlägt hier Britney.
"Das klappt nur deshalb so gut, weil der Großteil des Chores das Stück schon kennt. Nur für die Fünftklässler ist es ganz neu. Aber die lernen schnell", erzählt Pater Anselm. Bis zum 16. März will er fast alle Choräle, Eingangs- und Schlusschor sowie den großen Chorgesang in der Mitte der Passion "Ich will bei meinem Jesu wachen" einstudiert haben.
Jahr für Jahr führt er schon Bachs "Matthäuspassion" auf, in diesem Jahr wird es das 35. Mal sein. Dabei muss er stets für Nachwuchs sorgen, schließlich ist die Fluktuation in einem Schulchor groß. "Mit meinem Chor schaffe ich ein ordentliches, mittleres Niveau", sagt er. Und: "Jeder kann hier mitmachen, die Regensburger Domspatzen sind wir nicht!" Profis würde er bei den Konzerten nie hinzunehmen: "Wir kaufen doch nicht ein wie der FC Bayern!" Musik wird am "Gymnasium bei St. Stephan" groß geschrieben. Zwei Stunden Musikunterricht haben alle Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums, plus Chor oder Orchester diejenigen, die den musischen Zweig des Gymnasiums besuchen. Hinzu kommt Instrumentalunterricht an einem, manchmal sogar an zwei Instrumenten. Nachwuchssorgen hat Pater Anselm daher selten. Sein Orchester ist ausschließlich mit Schülerinnen und Schülern besetzt. Seit 1065 ist Pater Anselm im "Gymnasium bei St. Stephan". An der Musikhochschule in München hat er Schulmusik studiert, von 1950 - 1963. sein großes Vorbild Günther Bialas, Professor für Komposition: "Ich habe so viel von ihm für meine Arbeit mitgenommen!" Seine Schülerinnen und Schüler an die großen Klassiker heranzuführen, an Mozart, Haydn, Beethoven, das hat sich Pater Anselm zu seiner Aufgabe als Lehrer und Dirigent gemacht. Und natürlich an Bach. Immer wieder stehen die Werke des Thomaskantors auf den Programmen der Konzerte, die vom Gymnasium veranstaltet werden.
In diesem Jahr nun wiederum die "Mattäuspassion". Rasendschnell ist die Probe vorbei und Pater Anselm überzieht die Unterrichtsstunde um zehn Minuten. Schließlich werden die Noten eingesammelt. Rasch lehrt sich die Empore, die Stimmen der Schüler verlieren sich im Schulgebäude. Pater Anselm atmet durch, mit der Probe ist er zufrieden: "Das heutige Pensum haben wir geschafft!" Dan packt er seine Partitur unter den Arm und verlässt mit wehendem Habit die Empore. Und dann ist es wieder still in St. Stephan.
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